Interview mit This Social Coil: "Die Musik steht im Vordergrund und nicht die Leute!" | AMuBlo - Alternative Music Blog

Interview mit This Social Coil: "Die Musik steht im Vordergrund und nicht die Leute!"

This Social Coil
Mit TIME erschien im März dieses Jahres das zweite Album der Aachener Band THIS SOCIAL COIL. Wie schon dem Vorgängeralbum AFTER THE DAY BEFORE, gelingt es auch TIME, durch seine atmosphärischen Klanglandschaften ein tiefes Gefühl der Ruhe und Harmonie zu vermitteln. Als Inspirationsquelle diente THIS SOCIAL COIL dabei vornehmlich die Schönheit und Vielfalt der Natur.
Im folgenden Interview erzählt Bandmitglied Frank Henke unter anderem, warum ihm ausgerechnet dieses Thema so wichtig ist, welche musikalischen Prioritäten er setzt und wer sich eigentlich hinter dem Projekt THIS SOCIAL COIL verbirgt.


Auf eurer Homepage (Stand: 30. April 2015) erfährt man so gut wie nichts über eure Band-Biografie oder über die Menschen hinter This Social Coil. Warum?

Da muss ich etwas ausholen. Im Jahr 2011 spielte ich als Gitarrist in der Band Caterplan, einer Postpunk-Postrock-Formation, die in dieser Zeit auch live einige Konzerte spielte. Bereits in dieser Zeit stellte ich Instrumente und Equipment selber her. Als ein neuer Gitarrenamp getestet wurde, entstand das Stück Shining Target, welches auf größere Resonanz stieß. Die Entstehung dieses Stücks war gleichzeitig die Entstehung von This Social Coil.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Tracks mit Vocals eingespielt wurden. Teilweise zweistimmig mit Felix Henke, der sich auch am Songwriting beteiligte. Ohne kommerziellen Hintergrund, ohne den Druck, dass die die nächsten Gigs anstehen, ging es ans Werk. Alle Instrumente sind nicht aus der Konserve, sondern im Studio eingespielt. Eben keine Band oder Projekt auf dem PC, wie sie in den letzten Jahren immer häufiger kommen und auch wieder gehen.

Bandmitglieder wurden bewusst nicht angegeben, weil noch Spielraum für die letztendliche Besetzung bleiben sollte und das bis heute. TSC soll auf Dauer kein Ein-Mann-Projekt bleiben. Die Musik steht im Vordergrund und nicht die Leute. Hinzu kam eine gewisse Live-Müdigkeit, da die kostbare Zeit zunächst wichtiger für das Songwriting und die kreative Soundgestaltung ist.

Nach einem Konzert von Caterplan zusammen mit I Like Trains nahm das Projekt This Social Coil richtig Fahrt auf. Das erste Album After The Day Before wurde veröffentlicht und auch ohne PR oder andere Werbemaßnahmen war es ein Erfolg. Seither ist TSC insbesondere in den östlichen Ländern bekannt.

Es dauerte etwas länger als ein Jahr, dann war Time komplett eingespielt. This Social Coil bezog in dieser Zeit ein neues Studio, spezialisiert auf die Aufnahme von Saiteninstrumenten und die Bedürfnisse von TSC. Dort werden in den nächsten Monaten die neuen Songs für ein weiteres Album entstehen. Auch die Homepage der Band wird zurzeit umgestaltet und erweitert.

Warst du bei Caterplan auch am Songwriting beteiligt?

Da war jeder am Songwriting beteiligt. Als Gitarrist hast du natürlich wesentlichen Einfluss auf den Gesamtsound und den Aufbau der Stücke. Es gab auch schon sehr gutes älteres Songmaterial, das ebenfalls neu arrangiert wurde. In einem Bandgefüge kann ich mir nur das gemeinsame kreative Arbeiten vorstellen, jeder bringt seinen Beitrag, so macht mir das Spaß.

Wie würdest du den typischen Sound von This Social Coil beschreiben?

Der Stil von Time ist wieder ein Driften zwischen typischen Shoegaze-, Postrock- und Postpunk-Sounds. Manchmal dunkel, mysteriös, aber im nächsten Part oder Stück verspielt. Oft wird der Sound als verträumt beschrieben. Der typische Gesamtsound basiert auf der Instrumentierung. Ein Bass auf C, zweiter Bass auf E oder Baritongitarre auf H, Gitarre auf C und letztendlich eine Gitarre auf E gestimmt. Vier Saiteninstrumente über das gesamte Frequenzspektrum verteilt. Keyboards gibt es zwar auch, sind aber eher im Hintergrund eingesetzt. Sie können sehr gut eine Atmosphäre oder Stimmung unterstützen.

Oft werden die Gitarrensounds mit denen der 80er-Jahre verglichen. Das liegt daran, dass gerade in dieser Zeit einige Bands mit ähnlichem Spielstil erfolgreich unterwegs waren. Wir experimentieren gerne mit Reverb und Delay, wobei die Gitarren selten extrem verzerrt sind. Leichter Röhren-Overdrive, schwebend, verspielt aber auch mal eine deftige Gitarrenwand. Beim Bass ist häufiger mehr Overdrive im Einsatz. Das verleiht den massiven Parts noch etwas mehr Schub. Die typische Aufteilung in Lead- und Rhythmusgitarre, wie im Mainstream, gibt es nicht.

In allen Musikrichtungen wird immer mehr auf dem PC arrangiert, weit über das Verwenden von Sampling-Datenbanken hinaus. Ich möchte gerne den Live-Sound, der im Studio oder auf der Bühne präsent ist, einfangen und konservieren. Klar, man kann interessante Sounds mit den Keys produzieren. Das macht auch Spaß und findet auch in dieser Musik seinen Platz. Aber die Musik soll gespielt und nicht programmiert sein.

Vocals werden ebenfalls nicht nachträglich verbogen und glatt gebügelt. Das klingt dann im Direktvergleich nach den heutigen Hörgewohnheiten ein wenig rau aber eben auch nicht überproduziert. Die Musik soll Seele haben. Ich habe auch schon darüber nachgedacht, in der Umwelt interessante Klänge aufzunehmen und in den Songs zu verwenden. Am Sound wird immer weiter gebastelt. Die Qualität soll immer besser werden, denn der Umgang mit mehreren Instrumenten, die sich im unteren Frequenzbereich tummeln, ist nicht einfach. Jedes Instrument muss sein Fenster finden und da entsteht sehr schnell Matsch.

Wenn zwei Bässe im Einsatz sind, bedarf das besonderer Sorgfalt bei der Einstellung der Klangregelung. Die Verwendung von langen Hallfahnen, die hier Bestandteil des Sounds sind, macht es nicht einfacher. Ein Umstand, der bei TSC wesentlich zum Gesamtsound beiträgt, ist: Die Saiteninstrumente, Verstärker, Effektgeräte und die hochwertige Studiotechnik kommen zu einem großen Teil aus eigener Herstellung. So kann ich direkten Einfluss auf den gewünschten Sound nehmen und es macht auch noch riesigen Spaß.

Alle Instrumente mit ihren Verstärkern werden mit Mikrofonen abgenommen, so wie sie auch auf der Bühne im Einsatz wären. Da kann es natürlich vorkommen, dass einmal eine epische Gitarrenwand mit kräftigem Reverb herüberkommt und das regelst du dann nach der fertigen Aufnahme im Studio nicht mal eben wieder raus. Der Sound war so, nun muss der Rest sich im Mix fügen. All das kostet Zeit und daher wird in vielen Studios immer mehr nachträglich auf dem Rechner bearbeitet. Dann wird es schwierig, den Sound live zu reproduzieren. Die Qualität leidet. Bei den Big Acts spielt das natürlich keine Rolle, da rechnet sich der Aufwand.

Ihr kommt ja aus Deutschland aber du meintest eben, dass This Social Coil insbesondere in den östlichen Ländern bekannt ist. Woran denkst du liegt das?

Wenn ich das mal wüsste! Als kurz vor Ostern Time erschien, waren bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung, auf zahlreichen östlichen Musikseiten die ersten Reviews und Downloads zu finden. Das ist nichts Ungewöhnliches und betrifft annähernd jede Neuveröffentlichung, ganz gleich aus welcher Musikrichtung. Die Downloads schnellten in die Höhe, die Resonanz war in diesen Ländern unerwartet groß. Ob es nun am Sound, an den Melodien oder woran auch immer liegt. Vielleicht auch an den Hörgewohnheiten der Menschen in diesen Ländern.

Für uns ist es ein wunderbares Gefühl, dass die Menschen unsere Musik lieben, ohne dass durch medienwirksame Vorgänge die Hörer beeinflusst werden. Es gibt inzwischen zunehmend positives Feedback aus Spanien, Portugal und Frankreich. Die Anerkennung unserer Musik wird immer globaler. Das bedeutet uns sehr viel und gibt unserem kreativen Tun einen Sinn, der über die reine Schaffensfreude hinausgeht!

Eure Werke wurden bisher ausschließlich als Download veröffentlicht. Gibt es Überlegungen diese zukünftig auch auf CD oder Vinyl herauszubringen?

Wir leben im Jahr 2015. Heute kann man auch größere Datenmengen problemlos herunterladen, nicht nur als MP3s, sondern auch als qualitativ hochwertige FLAC-Files. Internet-Radio spielt eine große Rolle. Aber ja, natürlich ist es reizvoll, Time oder auch kommende Alben auf Vinyl zu veröffentlichen, denn das ist gerade in den alternativen Musikrichtungen wieder sehr gefragt. Das hat was von stimmungsvoller Nostalgie, man hält etwas in der Hand, es geht nichts über eine schöne Plattensammlung.

Aber das wollen natürlich viele Bands und viele Bands wundern sich, dass so wenige Leute ihr Album auf Vinyl erwerben. Sie bleiben dann oft auf ihren Kosten sitzen. Dann gibt es plötzlich Vinyl zum Schleuderpreis. Dieses Risiko muss man abschätzen. Das Kapital für solche Überlegungen kommt sicherlich nicht aus dem Erlös von digitalen Downloads. Trotzdem hat das seinen Reiz und vielleicht gibt es ja irgendwann einen Sponsor.

Zu mehreren eurer Songs gibt es sehr gelungene Video-Animationen, in denen sich das Thema „Natur“ wie ein roter Faden durchzieht. Produzierst du diese Videos selbst und warum ist dir ausgerechnet dieses Thema so wichtig?

Vielen Dank! Diese Videoclips sind wirklich Indie, also nicht kommerziell hergestellt, sondern ein wirklich authentisches Stück TSC. Vor allem die älteren Clips sind ausschließlich mit eigenem Bild- und Filmmaterial hergestellt. So werden sie nicht zu großen Klickzahlen führen, denn mit kommerziellen Videos können sie in der Akzeptanz einfach nicht mithalten oder nur bei Leuten punkten, die auf andere Dinge Wert legen. Aber sie sind ehrlich und die Auswahl der Bilder und Clips ergibt sich durch das Gefühl und die Lyrics im Stück. Berge, Wasser, Wetter, all das ist irgendwie Musik. Vielleicht kommt da auch bald mal wieder etwas aufwendiger Produziertes.

Das Thema "Natur" ist sehr wichtig für TSC. Aus meiner Sicht entsteht letztlich alles aus der Natur. Wir sind Natur. Die Natur hat einen großen Einfluss auf mich. Musik kommt mir oft in den Kopf, wenn ich abseits von allem in dieser Natur unterwegs bin, wenn ich ihre Eindrücke genießen kann. Unsere Songtexte haben weit mehr Themen als die Natur aber sie ist ein wichtiger Einfluss für This Social Coil.

Noch einmal zurück zu deiner Aussage: „Die Musik steht im Vordergrund und nicht die Leute“. Gibt es deiner Meinung nach auch im nicht-kommerziellen Alternative-Bereich die zunehmende Tendenz, dass Selbstdarstellung wichtiger ist als die Musik?

Im Alternative-Bereich gibt es sicherlich einige Poser und Selbstdarsteller, aber damit kannst du meiner Meinung nach auf Dauer nicht punkten und das Internet bietet zuletzt jede Möglichkeit der Selbstdarstellung. Man sollte aber auch bedenken, dass im World Wide Web nichts verloren geht und es gibt dazu massig Konkurrenz. Zuletzt entscheiden die Hörer, was sie gerne auf ihren Player laden und da sollte sich wohl doch die Musik durchsetzen.

Das hängt aber auch stark mit der Musikrichtung zusammen. Im Post-Rock-Bereich sind die Darsteller eher im Hintergrund und die Hörer haben die Pubertät meist auch hinter sich gelassen. Wenn mehr Glamour ins Spiel kommt, sieht das schon wieder anders aus. Auch wenn die Töne härter werden, habe ich das Gefühl, dass ein gewisses, na, sagen wir, böses Image nicht fehlen darf, auch optisch. Aber auf die Nerven geht mir das nicht. Es ist eher amüsant.

Und wenn ich ehrlich bin, wenn du selber Musik machst, fehlt dir auch die Zeit viel Musik zu hören und die Szene zu beobachten. Ich denke zu diesem Thema kannst du viel mehr beitragen als ich, würde mich natürlich interessieren. Denn es fällt mir schon gelegentlich schwer, die alternative Szene richtig zu verstehen. Auf Festivals und Gigs lernst du einige Leute kennen aber da ist kaum Zeit sich wirklich miteinander zu beschäftigen. Und es sind Leute wie du, die eben ähnliche Musik machen.

Mir ist es auf jeden Fall wichtig, dass die Leute über die Musik zu TSC gelangen und es wird auch langsam mehr Informationen zu den Darstellern geben. Aber es ist richtig, ob Label oder welche Musikseite auch immer, es kommt sofort die Frage: "Wer sind die Leute von TSC?". Das ist auch nachvollziehbar. Man will schon wissen: Wer steckt hinter den Tönen, die man da gerade hört? Aber es ist keine Geheimniskrämerei, sondern echte Zurückhaltung. Es wird jetzt langsam mehr kommen, aber keine Selbstdarstellung.

Welche Interview-Frage würdest du niemals beantworten, selbst wenn man dir eine Menge Geld dafür bieten würde?

Ja, probiere es doch mal aus. Wir können jeden Cent gebrauchen, dann gibt es schon bald Vinyl. Na, diese Frage natürlich (lacht), Fangfrage! Aber ich denke, Fragen, die nicht die Musik betreffen oder zu intim werden.

Wie geht es mit TSC weiter?

Momentan gibt es eine kleine Verschnaufpause aber auch jetzt gibt es schon neue Ideen. Es wird bald schon eine neue Veröffentlichung geben. Es wird also nicht langweilig. Längerfristig geht es natürlich in die Richtung des neuen Albums. Da wird es die eine oder andere Soundbastelei geben. Das Equipment im Studio wird auch weiter verfeinert. Die Qualität in jeder Hinsicht steigern, ohne aber den Faden zu verlieren und vor allem, sich selber treu bleiben!

Es gab viel Feedback in dem zu lesen war: "Bitte macht weiter so und bleibt euch treu!". Das fand ich sehr beachtlich. Also besteht die Befürchtung, dass TSC sich dem Mainstream nähert und die experimentelle Schiene langsam vernachlässigt. Das Songwriting geschieht definitiv nicht mit irgendeinem Konzept oder einer Vorgabe, sprich, was da aus den Instrumenten kommt, spukt gerade im Kopf herum. Daher wird sich der Stil auch nicht drastisch verändern.

Es wird weiterhin unkonventionelle Werke geben wie Time oder eben auch eingängigere Stücke wie Wish, welches Hörer schon gerne einmal in Dauerschleife setzen. Videoclips stehen auf dem Plan, passende Clips werden gesucht und gedreht. Was mir momentan beim aktuellen Album besonders gefällt, ist, dass jeder sein spezielles Lieblingsstück entdeckt. So sollte es beim nächsten Album ebenfalls sein: abwechslungsreich.

Vielen Dank für das Interview!

Ich habe zu danken.

Homepage von This Social Coil: www.thissocialcoil.com.
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